Infobrief Ostkongo März 2016


Kongobrief Ostern 2016


Vor drei Wochen bin ich von meiner letzten Kongoreise zurückgekommen. Seither habe ich an Afrikatagen in zwei Schulen im Emsland und im Kreis Diepholz mitgewirkt. Beim Kongo- und Ruandatag der Vereinigten Evang. Mission in Wuppertal konnten wir Laurien Ntezimana aus Ruanda erleben, mit dem wir schon seit vielen Jahren zusammenarbeiten, der dort berichtete, wie seine Friedens- und Versöhnungsarbeit vorankam. Und auf Anweisung des Entwicklungshilfeministerium hatte ich in Stuttgart an einem Wochenendseminar teilzunehmen, um Kenntnisse aufzufrischen, wie Verwendungsnachweise beim BMZ abzuliefern sind. Dazwischen sass ich in Wartezimmern von Ärzten, um einige eher harmlose „Mitbringsel“ der Kongoreise auskurieren zu lassen...



Der eigentliche „Schock“ fand aber schon bei der Ankunft statt: Die Kälte in Deutschland! Beim Abflug in Bu­jumbura (Burundi) schwitzten wir noch tags zuvor bei 40 Grad im Schatten. In Frankfurt mußte ich mich gleich in zwei Pullover unter meiner „Sommerjacke“ einpacken.

Die letzten 10 Tage meiner fünfwöchigen Reise hatten mich nach Uvira am Tanganjikasee geführt und dann für den Rückflug in die immer wieder von inneren Unruhen heimgesuchte Hauptstadt Burundis, deren Präsident seine Amtszeit eigenmächtig verlängerte und damit sein Land an den Abgrund führte. Bujumbura liegt genau gegenüber auf der anderen Seeseite. Wenn im kongolesischen Uvira der knappe Strom abgeschaltet wird, liegt Burundis Hauptstadt drüben am Abend scheinbar hell und strahlend da.



In Uvira (700 m über NN) bis hinauf nach Kamanyola (800 m über NN) an der ruandischen Grenze und weiter hoch ins Businga-Massiv, begann unsere Partnerorganisation OSBDEC (Organisation St. Basilius für die Entwicklung des Ostkongos) mit einem Programm zur Bekämpfung der Buschfeuer, die zu einer Plage geworden sind und in der kahlen Landschaft jede Aufforstungsbemühung zunichte machen.



Als ob die Bevölkerung auf solch eine Kampagne gewartet hätte: Bei unseren zahlreichen Volksversammlungen während meiner Reise mit dem recht baufälligen Jeep (dreimal Reifenpanne in einer Woche)


wurde die Kampagne lebhaft begrüßt, allen voran auch von den „Honoratioren“ der Region, den „Mwamis“ (traditionelle Könige), von ihren Chefs und den staatlichen Vertretern, die bisher dagegen machtlos waren.

Der Einsatz lohnt sich: Wenn unseren Partnern gelingt, die illegalen Wildfeuer einzudämmen, kann an vielen Stellen in wenigen Jahren der tropische Wald mit einheimischen Bäumen wieder rehabilitiert werden.


Jetzt, in der Regenzeit, war die reiche Biodiversität der Region von Uvira überall sichtbar – ganz anders als weiter westlich im kahlen Hochland von Kaziba und Luhwinja, mehr als 1.000 Meter höher, wo Erosion die Böden verarmen lässt und Aufforstung ein mühsames Unterfangen ist.


Ein kleiner Weiler im Businga-Gebiet war schon stolz darauf, in der letzten Saison kein Buschfeuer erlebt zu haben! In der Tat rundrum ist alles wunderschön grün und der natürliche tropische Bewuchs wuchert und gedeiht. Weiter oben im Businga-Gebiet (bis 2.000 Meter über NN hoch) bemüht sich die Partnerorganisation GEAPD um die Rehabilitation von Naturwald auf staatlichem Gebiet, welches sie für diesen Zweck langfristig in Pacht erhielt. Dort konnte im letzten Jahr ein schlimmes Buschfeuer mit tatkräftiger Hilfe der Bevölkerung von diesem Naturwald abgewehrt werden: Bei unserem Besuch zeigten uns der Agronom Adolphe und die stolze Bevölkerung gleich ein halbes Dutzend essbarer leckerer Waldfrüchte, die sie bereits in diesem heranwachsenden Wald ernten konnten. Die „Marafiki wa Mazingira“, die Naturfreundejugend hatte sogar all die Pflanzen ihres Busingawaldes namentlich identifiziert, auch evtl. Heilwirkung benannt und ein kleines Büchlein dazu herausgegeben. Inzwischen sind dort die Bäume bereits meterhoch und bald wird von der Straße herunter der Blick ins Ruzizital und hinüber nach Ruanda nicht mehr möglich sein - man wird durch dichten Wald fahren, allerdings nur dann, wenn auch hier die Buschfeuer-Plage weiterhin abgewehrt wird. Die Bevölkerung wird in der Trockenzeit oben auf den Bergen Tag und Nacht Wächter der Feuerbrigade einsetzen, damit ihr Wald geschützt bleibt. Von dort bis hinunter nach Uvira überall das gleiche Bild: kahle Hänge und in den Dörfern und Gemeinden extremer Wassermangel – selbst in der Regenzeit. Klar, wo kein Wald ist, dort versiegen die Quellen... In Kamanyola und Uvira kam höchstens für eine Stunde am Tag Wasser aus der Leitung meiner Hotels. Man musste dort Eimer und Schüsseln füllen, um für den Rest des Tages genug für Küche, Bad und Toilette zu haben. Genug? Ja, auch mit einem halben Eimer Wasser und einer 0,5 Liter Pet-Flasche läßt sich der ganze Körper waschen, ja, das geht. Das ist Alltag für viele Menschen im Ostkongo...

Der Kontrast kann nicht größer sein: Wer immer sich leisten kann - nun gut, dies sind nicht sehr viele, aber im­merhin - der hat inzwischen schon ein „Smartphone“ oder ein „iPod“ - und über das inzwischen recht leistungsfä­hige Mobilfunknetz auch rasch Zugang zum Internet. Im Ostkongo tummeln sich Vodafone, airtel, Tigo, Orange und andere Wettbewerber, um vom Kuchen der rasch wachsenden Mobiltelefonie etwas mitzubekommen. Und der „Muzungu“, der weiße Mann aus dem hochtechnisierten Norden der Erdhalbkugel, fragte dann bei allen Versammlungen. „Leute, Ihr habt die neueste Technik, Zugang zu Internet, Whatsapp, Facebook und was weiß ich noch – doch bitte sagt mir mal, wie kochen denn eure Frauen zuhause? Manche Frauen sassen dabei und begannen prompt zu kichern, denn die Antworten waren überall: Auf dem Drei-Steine-Ofen! „Was?“ so der Muzungu „Ihr nutzt die allerneueste Handytechnik – und lasst Eure Frauen noch auf dem Drei-Steine-Ofen kochen? Was ist denn das? Wieso kümmert Ihr Euch nicht um verbesserte Öfen?“ Holz suchen ist in der Tat immer noch eine der Haupt­beschäftigung für Frauen und Kinder. Holzkohle lässt sich zwar kaufen, wer Geld genug hat, doch ihre Produktion vernichtet in Fizi, 100 km weiter südlich, westlich des Tanganjikasees immer mehr Regenwald.

Das hörte ich brandaktuell vom Mwami von Fizi höchstpersönlich und einigen weiteren Würdenträgern dieser Region, die mich kummervoll am letzten Sonntag meines Aufenthaltes in Uvira aufsuchten. Sie hofften, der „Muzungu“ werde auch für ihre Region ein Projekt zum Schutz des Waldes auf den Weg bringen... Sonst kümmere sich ja keiner...

Doch wieso wird noch nicht einmal vorhandene Technik für verbesserte Öfen massenhaft verbreitet? Liegt dies daran, dass die Männer, die das bewerkstelligen könnten, jetzt lieber mit Whatsapp und Facebook hantieren? Si­cherlich liegt dies auch daran, dass das francophone Ausbildungssystem die Menschen für Büroarbeit vorbereitet, aber nicht für Handarbeit. Das Ansehen der Handwerker ist bescheiden. Ein gemachter Mann ist aber, wer in ei­nem Büro sitzt und dort auch noch Papiere abstempeln und Geld kassieren kann. Und Stempel braucht man für al­les mögliche im Kongo...



Die eigentliche Zielgruppe unserer Aufforstungsprojekte im Ostkongo sind aber nicht die Smartphone- und iPod-Besitzer, sondern einfache Bauern und Frauen, die mühsam versuchen von Subsistenzwirtschaft zu überleben. Sie sollen in einigen Jahren vom Holz der heranwachsenden Wälder profitieren und bis dahin jetzt schon bei den neu­gegründeten Landvolkshochschulen ganz praktische Kenntnisse erwerben, wie sie ihren Garten und ihre Felder mit Kompost fruchtbarer machen können, welche Gemüsesorten außer Kassava und Amarand noch angebaut wer­den können, wie Bienenzucht funktioniert, wie Ziegen Milch geben können (bisher laufen die Ziegen überall nur als Fleischlieferanten rum) und wie kleine Heilpflanzengärten anzulegen sind, um einfache Krankheiten ohne teu­re Medikamente heilen zu können. Das Heilpflanzenwissen soll also wieder zum Volkswissen werden!


Inzwischen haben wir solche Programme in neun verschiedenen Projektstandorten, im Norden der Provinz auf der Insel Idjwij im Kivusee, entlang des Kahuzie-Biega-Nationalparks in Katana und Kavumu und im „Hinterland“ von Burhinyi, Luhwinja, Kaziba, Mushenyi und Nyangezi und im Süden Businga, Ngomo, Kamanyola, Sange und Uvira. An all diesen Orten bereiten Baumschulgärtner mit Agronomen weitere Aufforstungen vor, bei denen die Bauern beim Auspflanzen helfen und viele Pflänzchen auch auf privatem Grund einpflanzen. Die ältesten Aufforstungen sind in Luhwinja, teilweise schon 15 Jahre alt – und sie sind sogar schon über Google Earth auf Fotos sichtbar, die vom Weltraum aus aufgenommen wurden! Geben Sie dort einmal diese Koordinaten ein und Sie können den Luduha-Wald sehen und zwar sowohl vor der Aufforstung als auch danach: 2°48'00.88'' S und: 28°44' 02.11'' O. Eine freudige Überraschung erlebten wir auch im benachbarten Burhinyi: In dortigen Pinuswäldern, die auf einst steini­gen Böden gepflanzt werden mußten, kommen jetzt einheimische Bäume hervor, Pilze und sogar ganz von selbst Chinin zwischendrin! 


Der Hauptgrund meiner Reise war eine vom Entwicklungshilfeministerium (BMZ) angeordnete Evaluation unse­rer Aufforstungsprojekte im Ostkongo mit dem unabhängigen Evaluierungsteam von Forstdirektor Carsten Schrö­der, Göttingen, der schon viele solche Projektüberprüfungen in tropischen Ländern durchgeführt hat. Meine Auf­gabe bestand darin, die Rahmenbedingungen zu schaffen, diese Reise zu organisieren, die Termine und auch die Fahrten über Land zu arrangieren usw. (Das Uvira-Projekt mit der Buschfeuerbekämpfung wurde noch nicht evaluiert.) Der Evaluierungsbericht liegt dem BMZ bereits vor und ich gestatte mir, im folgenden aus diesem Bericht zu zitieren:

In allen Projektstandorten wurden Akteure aus dem kommunalen Bereich befragt. Bauern, welche an den Projekten teilnehmen, Jugendliche, die in den Gruppen mitarbeiten, die Mitarbeiter der Projektpartner und weitere Angehörige der Zielgruppe ebenfalls. Dies fand in Einzelbefragungen statt, in Volksversammlungen und in Gesprächen mit den lokalen Autoritäten. Die Leitungsebene der Projektpartner (Projektchef, Agronom) konnten in einem Dreitagesemi­nar über ihre Projektleistungen reflektieren.



Bei allen 8 Projektpartnervereinen findet sich die gleiche, stringente Hierarchie und Struktur. Es gibt immer einen Projektleiter (chef de projet) mit Hochschulabschluss. Immer einen mitarbeitenden Agronomen (mit einem Abschluss in ei­nem landwirtschaftlichen Fach). Immer Vertreter der Schul- oder Jugendarbeit (meist Lehrer) und mehrere Mitarbeiter der Baumschulen (Grundschulabschluss). Alle diese fixen Projektmitarbeiter werden durch ein minimales, jedoch kontinuierliches Gehalt durch das Projekt unterstützt und leisten die Aufgaben mit einer bewundernswerten Treue und ohne Hinweis auf korrupte Aktivitäten. Die Organisation und Struktur dieser gemeinnützigen Vereine ist vorbildlich auch innerhalb der internationalen Projektszene.

Das Oberziel des Projektes wird wie folgt formuliert: Das Projekt trägt dazu bei, im Südkivu (Ostkongo) die Armut zu reduzieren und die natürlichen Ressourcen zu rehabilitieren und zu schützen.

Macht es Sinn, Bäume zu pflanzen in einem der ärmsten Länder der Welt, in dem die Analphabetenrate immens, die Gesundheitsversorgung mangelhaft, die Familienplanung nicht vorhanden und die Sicherheitssituation fraglich ist?

Nach mehreren Besuchen und Feststellung der Fortschritte der Projektziele über viele Jahre kann man diese Frage nur bejahen. Das gemeinsame Engagement bei der Wiederaufforstung, die angesichts extremster Armut und Unsicherheit fast als „Luxus“ angesehen werden muss, bringt überraschenderweise auch nicht geplante und begrüßenswerte Nebeneffekte in Bezug auf Bildungsmaßnahmen, Förderung von Gesundheitsstrategien, Stärkung von Zivilbevölkerung und Friedensmaßnahmen mit sich. Die nachhaltige und immer absolut zuverlässige Betreuung durch LHL, auch in unsicheren Zeiten stärkt das Eigenmanagement der Partner, die ihrerseits eine stärkere Vernetzung mit gemeindefördernden Projekten suchen und finden... Die Qualität der Durchführung der Entwicklungsmaßnahme ist gut. Das Interesse und die Motivation aller Beteiligten der Projektträger sind hervorragend.

Die Effizienz des Projektes kann als außergewöhnlich gut bezeichnet werden...

Von den Geldern werden durchgehend die Gehälter von 150 Menschen bezahlt, unzählige Maßnahmen die Aufforstung von über 500 ha Fläche betreffend werden davon finanziert, eine Bevölkerung von fast 100.000 Einwohnern werden mit Bildungsmaßnahmen und Jugendarbeit erreicht. Diese sparsame und effiziente Finanzverwaltung ist sicherlich zum großen Teil Heinz Rothenpieler zu verdanken, der sich seit über 20 Jahren mit dem Kongo beschäftigt, seit 12 Jahren diese Gegend besucht und sehr gut kennt, und der mit seiner Hingabe, seinem Fleiß und seiner überaus großen Korrektheit Vorbild für die Menschen geworden ist...


Wie bereits eingangs erwähnt, sind die nicht geplanten Nebeneffekte des Projektes ein wertvoller Effekt in einem Land, wo durch Krieg und Traumata in der Vergangenheit immense Zerstörung und Armut verursacht wurde. Während des Evaluierungsworkshops wurden die Aktivitäten von den Projektträgern mit Beteiligten der GIZ, des zuständigen regio­nalen/Provinz- Ministeriums für Umwelt und Forsten sowie Vertretern der Bildungsträger und der Forschungseinrich­tungen in SüdKivu reflektiert und diskutiert. Eine umfassende Überprüfung und Einordnung der Aktivitäten unter Be­rücksichtigung der sozialen, ökologischen und ökonomischen Wirkungen führte zur Bildung einer Plattformorganisati­on für die Projektträger und es wurde ein Pilotprogramm entwickelt.


Der Name dieses Programmes lautet „Community Resilience Program“ . Dieses Programm soll gekennzeichnet werden durch drei Säulen:

Mit dem Ergebnis des Evaluierungsberichts steht LHL vor weiteren größeren Herausforderungen in der Zukunft. Um diese zu bewältigen erwartet das BMZ von LHL eine „Professionalisierung“ der Arbeit. Deswegen planen wir ab Juli den Tropenförster Philipp Jülke einzustellen, der künftig sowohl alle LHL-Forstprojekte betreut als auch vor Ort fachliche Fortbildungen geben kann. Gleichzeitig hoffen wir, dass uns das BMZ mit dem sogenannten Resilienzprogramm (http://www.bmz.de/de/themen/uebergangshilfe/) unterstützt, damit die angefangene Arbeit im Sinne unserer Partner fortgesetzt werden kann. Parallel ist offenbar bereits entschieden, dass die staatliche Entwicklungszusammenarbeit GIZ für die nächsten Jahre Millionenbeträge für Aufforstungen im Ostkongo zur Verfügung hat. In der Vergangenheit wurden mit ähnlichen Mitteln u.a. Eukalyptusplantagen gefördert. Wir hoffen, dass in Zukunft die GIZ modernere Forstkonzepte auch mit unseren Partnern durchführt. Unsererseits soll vor allem die Bevölkerung gestärkt werden. Beispielsweise Alphabetisierung von Frauen. Wir haben zu unserem Entsetzen festgestellt, dass im ländlichen Bereich oft 90 % der Frauen nicht mehr Lesen und Schreiben gelernt haben, nachdem in der Mobutuzeit das vorher staatlich finanzierte Bildungssystem zusammenbrach...



Die derzeitigen BMZ-Projekte sind noch nicht beendet. Sie waren und sind nur möglich, weil Sie uns immer wieder mit Spenden unterstützt haben. Wir danken Ihnen allen für jede Gabe ganz herzlich, auch im Namen unserer kongolesischen Partner. Selbst wenn Sie uns jetzt nicht finanziell helfen können, so ist Ihnen vielleicht möglich, über unsere Arbeit im Freundeskreis zu erzählen. Wir senden auch gerne einige Infofaltblätter Vielen Dank im voraus. Vielen Dank für Ihr Durchlesen dieses Kongobriefes. Ihnen und Ihren Familien wünschen wir eine frohe Osterzeit und erholsame Feiertage. Herzliche Grüße aus Düsseldorf Ihr Heinz Rothenpieler