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Kongoreisen


2008 / I

15. August 2008


Liebe Freunde,

heute morgen sind Andreas und ich aus dem Kongo zurückgekehrt und auf dem Frankfurter Flughafen nach einem etwas wackligen, insgesamt 10stündigen Flug glücklich gelandet.

Die ersten 10 Tage war ich vorausgereist und hatte vor allem die Dialog Internatio- nal-Projekte besucht, dann kam für 10 Tage Andreas  Bachmann und wir haben die Twese Hamwe und Pax-Christi-Projekte besucht und vor allem die verschiedenen Orte, wo jetzt LHL das Aufforstungsprogramm "Neue Wälder, neue Öfen und Agroforst- wirtschaft für den Kivu" realisieren will: in Mushenyi, Kamisimbi und Uvira. Höhepunkt war sicherlich dann die Vertragsunterzeichnung am letzten Tag unter Teilnahme von Vertretern des Ministeriums für Planung und Wiederaufbau und des Provinz-Umweltministeriums, die dann abends und am nächsten Tag sogar im regionalen Fernsehen ausführlich gezeigt wurde. (Einige Reden vgl. LHL-Francais) Man begrüßt im Kivu nachdrücklich das Programm. Die Umweltprobleme sind unübersehbar und führen in einigen Gebieten schon zu prekären Ernährungssituationen.

Die Straße hinunter zu meinem Quartier am Kivusee in Bukavu.

Zu Beginn konnte ich die früheren Projekte von Dialog International besichtigen, die entwässerte Talaue in Luhwinja, die dort die Ernährung stabilisert, die in Luhwindja gepflanzten Wälder sind schon meterhoch, auch im benachbarten Burhinyi schon recht hoch. Dies ist eine Freude zu sehen, auch wenn nicht alles so schnell wächst wie unten im Tal. In Luhwinja sind vor allem die Gipfelbereiche der Berge bepflanzt worden, eine riesige Leistung! Dort haben wir übrigens eine landwirtschaftliche Genossenschaft mit über 200 Mitgliedern gegründet, vorwiegend Frauen.

In Burhinyi hatten wir zwei Tage lang Beratungen mit dem Mwami (dem traditionellen Chef, König), ein junger Mann, sehr gebildet, der "Residenzpflicht" hat (das gilt nicht für alle Mwamis) und sich selbst als "Entwicklungsmwami" bezeichnet. Dort, in Luhwinja und später in Mushenyi und Kamisimbi konnte ich übrigens "Quinoa-Samen" verteilen, sozusagen zum Gedächnis an unseren im vorigen Jahr verstorbenen Pax-Christi-Freund Andreas Schillo, der seinerzeit für die Pax-Christi-Kommission "Solidarität mit Zentralafrika" zufällig "Quinoa-Suppe" gekocht hatte, als der kongolesische Biologe Innocent Balagizi in Bonn zu Besuch war und der dann ein Päckchen des südamerikanischen "Hochland-Reises" mit in den Kivu nahm und feststellte, daß Quinoa auch im dortigen Hochland gut gedeiht. Alle Gebiete liegen über 2000 Meter hoch. Und Quinoa wurde von mir jeweils entweder an den Mwami oder an seine Vertreter, die Chefs de Groupments verteilt. Sie werden überall Versuchsfelder anlegen und später das dort entstehende Saatgut an ihre Bauern verteilen. In Luhwinja haben sich alle Frauen das Saatgut genau angeschaut, befühlt und mir ein Loch in den Bauch gefragt... Hoffentlich wird dort Quinoa eine Alternative zu Maniok, der überall massenhaft die "Mosaik-Krankheit" verursacht und Mangel- bzw. Unterernährung. Obwohl Cassava-Gemüse (Blätter des Maniok) zugegebenermaßen gut schmeckt und Maniok-Foufou auch, zumindest wenn mit Sorghum vermischt...

Im Nationalpark Kahuzie-Biega konnte ich in der ersten Hälfte des Aufenthaltes mit den kongolesischen Freunden die Berg-Gorillas besuchen, ein eindrücklicher stundenlanger Fußmarsch durch dichtes Dickicht unter Führung eines Pygmäen. Mit Ausnahme von Innocent waren die anderen Freunde noch nicht dort gewesen. Die im Grenzgebiet von Ruanda  und Kongo lebenden Berg-Gorillas sind die letzten ihrer Art und nur das weltweite Interesse wird sie und den dazugehörenden wunderschönen Berg-Regenwald retten können. Berg-Gorillas sind wie Giraffen und Elefanten Vegetarier...

Nebenan, in Katana war der Besuch des Waldkindergartens von Dialog International eine helle Freude. Parallel zu unserem Berg-Gorilla-Besuch hatten die Kinder auch einen Ausflug in den Park gemacht und präsentierten uns später ein kleines eindrückliches Programm, was sie zum Thema "Umwelt- und Waldschutz" gelernt hatten. Rund um den (geschützten) Nationalpark ist leider schon radikal abgeholzt und absoluter Holzmangel, wobei Holz die Energiequelle Nr.1 ist, überall...

In Luhwinja und anderswo traf ich Frauen, die schon vor Jahren Mikrokredite bekommen hatten, die immer noch zirkulieren, ein Beispiel für Nachhaltigkeit, übrigens auch bei anderen Projekten. Etwa hatte Dialog International in Uvira die Drainage der dortigen Reisfelder erneuert, wodurch sie jetzt erheblich ausgedehnt werden konnten und auch dort die Ernährungslage der Bevölkerung stabilisert. Und ich habe noch in meinem ganzen Leben keinen solch guten Reis gegessen wie den von den Reisfeldern von Kaliba...

So viel wäre zu berichten, etwa von den ehemaligen Kindersoldaten in Burhinyi, Luhwinja, Mushenyi und Bukavu. Mit allen konnte ich sprechen, in Burhinyi gibts zwei Gruppen, eine schreinert, die andere stellt Lederwaren her und zwar direkt neben einem Markt, dort kauft man das Leder, das noch gegerbt werden muß und verkauft später die wunderschönen Produkte, Gürtel, Taschen, Mobil-Tel.-Taschen usw. In Luhwinja wird auch geschreinert, dort hat man aber auch einen Backofen gebaut und backt "ADMR-Brot", das ganz ausgezeichnet schmeckt und bei der Bevölkerung beliebt ist, auch wenn die Preiskalkulation unter dem Strich noch zu wenig übrig läßt...

Auch der große Backofen ist leider noch nicht holzsparend, was in einem 2. Schritt nötig wäre....Das Holz muß auch noch zugekauft werden.

Auch in Mushenyi wird Brot gebacken und geschreinert, während in Bukavu, auf dem Gelände der Pax-Christi-Schule Tunza-la-Mayatima, die aus einer Förderung unseres verstorbenen Freundes Andreas Schillo hervorgegangen ist, mit 290 Schülern, vorwiegend ehemaligen Straßenkindern (die aber jetzt Ferien hatten, nur wenige aus der Nachbarschaft waren da) und von den Kindersoldaten schon zur Hälfte (drei Klassen von sechs) mit Schulbänken und Tischen versorgt worden sind. Hier ist offensichtlich, daß die Nähe der Kindersoldaten zu den kleineren Kindern sehr positiv ist und die Lehrer geben ihnen auch Fortbildungskurse.

Für Twese Hamwe (und in geringerem Maße Pax-Christi-Gruppen und ADMR-Gruppen, der Partnerorganisation) haben wir einen ganzen Nachmittag lang ein Mikrokreditprogramm ausführlich diskutiert. In den Twese Hamwe-Gruppen (kinyaruanda für "alle zusammen", kisuaheli: "Wote Pamoja"), arbeiten neben den Bashi-Frauen (dominierende Volksgruppe) auch Hutu- und Tutsifrauen zusammen, meist Witwen, viele davon Opfer von Vergewaltigungen...

Was die Aufforstungen angeht, so standen vor allem Bergbesteigungen auf dem Programm. Dort im Hochland dann auf 2.500 Metern hohen kahlen Bergen stehen zu können mit weitem Ausblick ins Land und dann die Flächen begutachten zu können, die bepflanzt werden sollen, ist schon eindrücklich. Die Landschaft sieht irgendwie so ähnlich aus wie das Allgäu, nur sind die Berge wesentlich höher, fast wie die Alpen... und dort wachsen auch keine Bananenstauden neben kleinen, strohgedeckten Rundhütten...

In vielem ist der Kongo im Aufbruch, auf dem Land Straßenbau und -ausbesserung überall, man kommt nach Burhinyi, Luhwinja und einige andere Orte wesentlich schneller als früher. Die Straßen nach Katana, an der Grenze zu Nordkivu und nach Uvira sind aber unverändert katastrophal mit riesigen Schlaglöchern und man kann selten schneller als 10 oder 20 km die Stunde fahren, man könnte fast im Auto seekrank werden...

Baustellen am Seeufer in Bukavu auf einer Halbinsel, gegenüber meinem Quartier.

In vielen Orten ist eine richtige Bauwut ausgebrochen, wer etwas Geld hat (vor allem durch Handel, der floriert) baut sich ein Haus, die neue Architektur ist übrigens eigen und sehr hübsch, mit hohen schrägen Dächern, fast wie in Österreich. Neben diesem privaten Reichtum liegt der gesamte öffentliche Bereich brach. Die Finanzierung der Regional- und Kommunalebene ist noch nicht geregelt und die Kommunalwahlen stehen noch aus.

Afrika ist im Vergleich zu Europa ganz bunt, auf dem Land tragen die Frauen auch nach wie vor die bunten Gewänder, aber in den Städten kehrt auch "uni" ein. Das Lachen so vieler Menschen, daß mir von der ersten Reise so nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist, habe ich inzwischen eher vermißt. Der unglaublich harte Kampf ums Überleben bei der vorherrschenden Massenarmut, die man sich in Europa einfach nicht vorstellen kann, zermürbt die Menschen mehr und mehr und viele haben uns hinter vorgehaltener Hand gesagt, eigentlich hätten sie keine Hoffnung mehr. Jetzt, in der Trockenzeit, war zudem der Speiseplan ziemlich eintönig und die steigenden Energie- und Lebensmittelpreise machen den Menschen auch noch zu schaffen.

Als Europäer ist man sehr privilegiert. An manchen Orten zeigten schon die Kinder auf meinen Brustbeutel, wo sie ganz richtig die Dollars des "Mzungus" (weißer Mann) vermuteten, dann kreisten ihre Hände um ihren Bauch und dann eine Hand in den Mund. Sie hatten Hunger, ganz klar! Nicht überall, aber in erschreckend vielen Landgemeinden mit Monokultur, was sich leider oft findet. Und die Böden verarmen erstens durch den einseitigen Maniokanbau und zweitens, vor allem in Walungu, durch die ungeheuer vielen Eukalyptuswälder, welche noch die Belgier als Danaergeschenk hinterlassen hatten und die den Boden austrocknen und auslaugen. Auch abgeholzt kommen aus den Wurzeln immer neue Eukalyptussträucher und -bäume heraus. Völlig verrückt.

Wir wollen wenigstens in einigen Gebieten mit Agro-Forstwirtschaft und ganz anderen Baumarten dagegen ankämpfen... und dann benachbarte kahle, nackte Berge zusätzlich aufforsten.

Der Kongo ist trotz allem quirliges Leben und eine Rückkehr nach Deutschland kommt mir fast vor wie in die Tristesse, die durch den starken Regen heute früh in Frankfurt noch verstärkt wurde. Die Menschen überleben im Kongo vor allem dank der Solidarität in Nichtregierungs-Organisationen. Bukavu ist eine Stadt mit mindestens einer halben Million Einwohnern. Doch der "Mzungu" wird überall, zumindest auf den Nebenstraßen, freundlich gegrüßt, man wartet oft auf seinen Gruß. Unsere kongolesischen Freunde und Partner können nur überleben durch ein dichtes Netz von Freunden, man kennt sich, man trifft sich häufig auf den Straßen und bei Veranstaltungen, man hilft sich gegenseitig aus. Niemand ist allein. Und jeder teilt, was er hat,  mit anderen. Wenn wir bei "Mama Kindja", in unserem Lieblingsrestaurant, sitzen, wird selbstverständlich unser Taxifahrer mit eingeladen... 

Und noch etwas: Dominierten vor vier Jahren noch überall Soldaten, Milizen, Kindersoldaten, so war diesmal praktisch alles entmilitarisiert, wenigstens in den dichtbesiedelten Gebieten Südkivus. Militär und Polizei: eher im Hintergrund. Praktisch keine Barrieren mehr. Lediglich in Uvira waltet noch stärkere Überwachung, was aber den Boom dieser Stadt am Tanganjikasee nicht verhindert. Und immer wieder fahren UNO-Transporter an uns vorbei. Die Pakistani haben übrigens, entlang des Kivusees, zahlreiche Moscheen hinterlassen. Auch eine Art von Entwicklungshilfe - und dann noch Vergewaltigungen, die einigen ihrer Blauhelme angelastet werden...

Ruanda, wodurch wir vom und zum Flughafen 5 Stunden fahren müssen, ist komplett anders, zumindest entlang der gut ausgebauten Schnellstraße ganz gut entwickelt, alles ist da, was zur "Zivilisation" gehört. Auch die Landwirtschaft ist vielfältiger, mit ausgeprägter Terrassenwirtschaft. Kigali ist inzwischen wohl eine Millionenmetropole und das Zentrum könnte genausogut mitten in Europa sein, oder in Amerika.


Die nagelneue amerikanische Botschaft thront wie eine Bienenkönigin mitten drin. Aber auch Ruanda sieht - wenigstens nach außen hin - nicht mehr so durchmilitarisiert aus wie ehedem. Manches scheint sich normalisiert zu haben.


In vielen Dörfern und Städten finden sich Gedenkstätten an den Völkermord, rund 2000 gibt's inzwischen davon, erzählt uns der Taxifahrer, mit dem wir zurück zum Flughafen fahren. Die Hutumilizen im Kongo sind heute vorwiegend junge Leute, die 1994 noch Kinder waren, weshalb sie vielleicht nicht unbedingt alle als "Völkermörder" bezeichnet werden dürften. Aber die ruandische Regierung lehnt bisher leider einen "innerruandischen Dialog" noch strikt ab, durch den der Kongo eins seiner wichtigsten Probleme im Osten gelöst bekommen könnte....

Also, Ihr merkt, ich bin eigentlich noch gar nicht richtig hier in Deutschland angekommen...

Die herzlichen Grüße kommen aber schon aus Düsseldorf

Heinz

Eines der ganz seltenen "Wunschphotos". Die junge Dame da unten wünschte ausdrücklich, von mir photographiert zu werden. Voilà, da lasse ich nicht lange bitten... und jetzt ist sie sogar im Internet zu sehen...

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Und nun ausführlichere Berichte aus meinem Tagebuch:


Sonntag, 27. Juli 2008

Endlich wieder in Bukavu! Was vier Jahre alles ausmachen! Das Militär ist weitgehend aus dem Straßenbild verschwunden. Stattdessen eine Stadt im Aufbruch! Überall Baustellen. Eine richtige Bauwut scheint die „Kivuiens“ erfaßt zu haben. Schon über dem Steilufer zum Ruzizi-Fluß, wenige Meter von der ruandischen Grenze entfernt: ein Neubau neben dem anderen. Doch dieser Aufbruch begrenzt sich fast ausschließlich auf den privaten Bereich. Im öffentlichen Raum hat sich nahezu nichts getan. Die Straße, die vor vier Jahren schon Baustelle war, ist immer noch Baustelle.

Das Umweltministerium der Provinz Süd-Kivu in Bukavu

Öffentliche Gebäude sehen aus, als fielen sie jeden Moment zusammen. Erstaunlich, daß sie das Erdbeben vom letzten Frühjahr überstanden haben. Auch die meisten Autos klappern als Oldtimer daher von irgendeinem „Third-Hand-Market“ erstanden.

Baustelle im Rusizi-Tal in Bukavu. Auf der gegenüberliegenden Seite ist schon Ruanda

Schon gestern mittag war ich nach rund 10 Stunden Flug und 2 Stunden Zwischenaufenthalt in Addis Abeba in Kigali angekommen.


Eigentlich wollte ich sofort mit einem Taxi zur Grenze fahren, aber der Taxifahrer verlangte 150 Dollar und sicher war nicht, ob wir rechtzeitig ankommen würden, denn um 6 Uhr, mit Einbruch der Dunkelheit, wird der Grenzposten Ruzizi I dichtgemacht. Im Dunkeln trauen sich Ruanda und Kongo halt noch nicht über den Weg.

Wir wählen eine andere Lösung: Mit einem Bus für 6 Dollar pro Person nach Cyangugu, zur Grenze, dort Übernachtung im „Hotel du Lac“, 100 Meter neben dem Grenzposten. Beim Abendessen auf der Terrasse rauschen die Fluten des Ruzizi-Flusses drei Meter weiter an uns vorbei, um 700 Meter tiefer in den Tanganjikasee zu münden. Am heutigen Morgen war der Grenzübergang in den Kongo völlig problemlos, ja freundschaftlich. Einer der Grenzposten sagte, als er hörte, ich komme von einer Entwicklungsorganisation, dann solle ich mir mal die gravierenden Umweltsünden hier anschauen. Da müsse was gemacht werden. Er war sehr zufrieden , als er hörte, daß unsere Projekte genau da ansetzen und notierte die Telefon-Nr. unserer Partnerorganisation ADMR. Meine Unterkunft in Bukavu ist etwa einen Kilometer vom Grenzübergang entfernt, privat, eine Art Ferienwohnung, Nachbarn sind Mitarbeiter der UNO-Blauhelme. Das Terrain ist verschlossen und rund um die Uhr bewacht. Bukavu leidet inzwischen nicht so sehr unter Soldaten, sondern unter gewöhnlicher Kriminalität... Der für mich zuständige Wächter heißt Renée. Es ist Sonntagmorgen, wir bereiten in der Küche das Frühstück vor: Brot, Butter, Tomaten, Ananas, Bananen und einige weiße köstliche Früchte, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. David, der Sohn von Emmanuel, der mich in Kigali abgeholt hatte, befestigt in der Zwischenzeit das von mir mitgebrachte Moskitonetz über dem Bett, das dort, wenige Meter vom Kivusee entfernt, dringend gebraucht wird. Nachts summt's wie in einem Bienenhaus und ich werde erst einschlafen, nachdem ziemlich klar ist, daß sich innerhalb des Netzes doch nicht solch ein Biest befindet. Schon während des Frühstücks kommen alle Freunde, mich zu begrüßen: Desirée, der Bürovorsteher von der ADMR, Bosco, der technische Projektleiter, Philippe, der Agronom von Kamisimbi, Balagala, der Projektleiter von Luhwindja und natürlich Innocent, unser Biologe. Alle kannte ich schon vom letztenmal. Soviel gab's jetzt zu erzählen! Mit Ausnahme von Innocent hatte ich alle vier lange Jahre lang nicht mehr gesehen. Wir sprachen vor allem über die vielen Projekte, die wir in der Zwischenzeit gemeinsam durchgeführt hatten. Ich, als deutscher „Einzelagent“ und sie, als Mitarbeiter, draußen „im Feld“, wie das große Organisationen gerne sagen. Per Email ist eben nur eine begrenzte Kommunikation möglich. Wenn man sich sieht, lassen sich Fragen klären, die elektronisch oder per Telefon nicht wirklich angesprochen werden können. Der Tag wird sehr intensiv. Wir gingen alle unsere Probleme durch, auch noch beim Abendessen im „Stammlokal“ (Mama Kindja), wo wir schon vor vier Jahren sassen und wo alles noch ganz genauso ist.

Das Restaurant "Mama Kindja" - unser "Stammlokal in Bukavu

Damals war Bukavu gepackt voll mit Soldaten gewesen, vor allem abends und besonders bei diesem Lokal. Diesmal: nichts dergleichen. Die einzigen Uniformierten, die ich sah, waren neu eingekleidete Verkehrspolizisten, die etwas hilflos versuchten, den Verkehr zu regeln. Zwischendurch kam noch Marcus vorbei, ein alter Brieffreund von mir. Wir korrespondierten schon seit vielen Jahren und hatten uns noch nie treffen können. Marcus ist Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und leitet derzeit temporär die Einsätze im Kivu. Ausgerechnet hier in Bukavu sollten wir uns das erstemal persönlich sehen. Wir brauchten eine Stunde, um bei einem Drink in einem eleganten Bistro am Kivusee, einiges zu besprechen und vor allem weitere Treffen in Bukavu zu vereinbaren...


Montag, 28. Juli 2008

Wir treffen uns wieder im Büro der ADMR, ganz im Zentrum von Bukavu, einen Steinwurf von der Kathedrale entfernt, deren schneeweißer Christus am Kreuz mir Bauchschmerzen macht. Wie geschmacklos! Christus als Weißer! Wer kommt bloß auf solch eine Idee. Ich denke an schneeweisse Madonnen, die Nonnen auf den Flügen nach Afrika mitschleppen. Ist das die Mission? Aber wir müssen das Reiseprogramm für die nächsten drei Wochen planen und ich kann schon einige Programme auf den ADMR-Computer überspielen, die ich mitgebracht habe. Vor allem die französische Version von „Open Office“, VLC, zum Anschauen von Filmen und dann „Irfan“, mit dem man Photos bearbeiten kann. Bisher bekam ich Megabyte-große Photos per Email geschickt. Jetzt können diese bei ausreichender Qualität auf 50 kb reduziert werden. Glücklicherweise haben wir Strom. Ich lerne Gaston kennen, den Computermann der ADMR und dann kommen noch Germain, mit dem ich in den letzten Jahren viele Email-Diskussionen hatte, ein junger Student aus Kavumu und Celestin, sein Kollege aus Mushenyi. Sie werden beide sich um die Aufforstung in Mushenyi kümmern.

Einige der inzwischen über 60 Mitarbeiter der ADMR vor dem Büro in Bukavu nach den Planungsbesprechungen.

Nach dem Mittagessen geht’s dann los nach Burhinyi. Von dort kommen schon ungeduldige Anrufe: wann kommt ihr denn endlich? Die Leute warten... Die Autofahrt geht zunächst hinauf nach Walungu, sowohl eine Ortschaft als auch eine Landschaft. Die Straßen sind samt und sonders gut im Schuß, neu hergerichtet oder repariert. Keine Teerstraßen, aber ordentlich geglättet und mit Drainagen versehen.

Auf der Straße durch Walungu nach Burhinyi. Rechts und links Eukalyptus. Vor uns ein liegengebliebener Lastwagen, der erstmal repariert werden muß. Wie üblich sitzen die Fahrgäste auf den Säcken obendrauf...

So geht die Fahrt zügig voran. Walungu scheint zunächst nur aus Eukalyptuswäldern zu bestehen. Ein Danaergeschenk der Belgier, wird mir gesagt. gibt’s denn sonst nichts, was hier wächst? Je weiter wir uns von der Stadt Bukavu entfernen, umso eintöniger wird die Landwirtschaft. Maniokfelder, soweit das Auge reicht. Dann nähern wir uns der eigentümlich zerklüfteten Hochgebirgslandschaft von Burhinyi. Die runden Berge sind 3000er und ragen nackt in den Himmel empor. Die Straße windet sich hinab in den Talgrund. Wir überqueren eine Steinbrücke, von den Maltesern erbaut und werden plötzlich mit lautem „Hallo“ und „Yambo sana“ begrüßt. Hier unten beginnt schon Burhinyi und die Baumschulgärtner sind mit ihren „Motos“, ihren geländegängigen Motorrädern runtergekommen, um uns zu begrüßen. Mit ihnen rund zwei Dutzend Jugendliche, auf den Rücksitzen oder zu Fuß. Die erste Begrüßung. Einige kenne ich noch vom ersten Besuch hier. Dann steigen wir wieder in unseren Jeep, der sich dann die steinige Straße den Serpentinen hoch windet bis zum Ort, wo wir wohnen sollen. Dies ist das katholische Pfarrzentrum. Doch vorher kommen wir noch am Büro von Codimir vorbei, der Partnerorganisation, die die Aufforstung in Burhinyi durchführte. Hier werden wir vom Chef de Groupement begrüßt, dem Vertreter des Mwamis, des Königs von Burhinyi und außerdem von einem Vertreter der Bauern und der Frauengruppe. Der kleine Raum ist gepackt voll Menschen und durch Fenster und Türen schauen neugierige Kinderaugen auf den „Mzungu“ aus dem fernen Deutschland, der so ganz anders aussieht. Jetzt werden Begrüßungsreden gehalten. Man erinnert sich an die verschiedenen Projekte, die wir schon in Burhinyi durchgeführt hatten, mit Dialog International. Und man betont, man sei über die Aufforstung sehr glücklich. Allerdings habe Burhinyi 18 Groupements und bisher habe die Aufforstung nur 6 Groupements davon erreicht. Immerhin gebe es im Moment noch drei Baumschulen und man arbeite freiwillig weiter und pflanze immer noch Bäume, obwohl das Projekt offiziell abgeschlossen ist. Danach gehen wir zu Fuß ins katholische Gemeindezentrum, beziehen dort unsere Zimmer. Pünktlich um 6 Uhr wird’s unvermittelt dunkel, aber das Pfarrzentrum hat einen Generator, der uns Strom und Licht spendet und dazu noch ein paar Solarzellen auf dem Dach. Wir sitzen noch lange mit dem Chief de Groupement und dem Bauernsprecher zusammen (der schon 80 Jahre alt ist, was man ihm wirklich nicht ansieht, dann stellt sich heraus, daß er sogar noch mit der Jugend Fußball spielt...). Dann kommt auch noch der Pfarrer dazu. Er hat wohl schon viele solche Gäste gehabt und scheint etwas gelangweilt zu sein. Doch dann legt er los, macht sich zum Sprecher aller und sagt, das Projekt sei ja sehr schön gelaufen und eine große Hilfe für Burhinyi gewesen, aber die Not sei noch größer und wir sähen ja, wie viele Flächen noch bepflanzt werden müßten. Wir dürften uns jetzt nicht einfach zurückziehen. Burhinyi brauche weiterhin Unterstützung. Der Priester ist ein junger kongolesischer Intellektueller, den's nach Burhinyi verschlagen hat. Zwischendurch nimmt er sich geschickt der Technik an, als mal das Licht ausging und macht auf mich Eindruck, wie er sich so für seine Schäfchen einsetzt...

Ach, fast hätte ich vergessen. Kaum waren wir in Burhinyi angekommen, türmten sich am Horizont gewaltige Gewitterwolken auf. Wir saßen beim Abendessen, als dann der Regen kam und mit tropischer Wucht auf alles was steht, wächst und liegt, niederprasselt, unterbrochen durch Donner und Blitz. Sowas hätten sie ihr Leben lang noch nicht gesehen, sagten die Leute. Mitten in der Trockenzeit solch ein Tropenregen. Den habe wohl der Gast aus Deutschland mitgebracht als Begrüßungsgeschenk, wurde gescherzt. Der Regen hielt die ganze Nacht an. Am nächsten Morgen duftete alles nach frischer, erholter Natur....


Dienstag, 29. Juli 2008

Am nächsten Morgen läuten punkt sechs Uhr die Glocken, kurz später ist alles taghell. In der Ferne krähen sich die Hähne gegenseitig ihr „Kikeriki“ zu und ich habe erstmals tief durchgeschlafen. Burhinyi kennt keine Moskitos, jedenfalls nicht viele. Dafür liegt die Gegend viel zu hoch. Nach dem Frühstück schauen wir uns den Pfarrgarten an, der fast die gesamte Vielfalt gärtnerischer Möglichkeiten hier in Burhinyi zeigt. Ja, hier fänden auch schonmal Fortbildungen statt. Dann darf ich die Familie des Projektleiters begrüßen, die gleich hinter dem Garten lebt. Anschließend besichtigen wir die erste Aufforstungsfläche, die ich schon – ohne Bäume – vor vier Jahren gesehen hatte. Jetzt waren die meisten Bäume schon 2 – 3 Meter hoch. Ein eindrucksvolle Fläche. Dieser Wald wird später der Dorfgemeinschaft gehören.

Aufgeforstete Fläche in Burhinyi

Dann gehen wir ein Stück weiter und finden den nächsten bepflanzten Hang. Hier hatte der Regen ein paar massive Probleme aufgezeigt, weil oberhalb der Pflanzung die erneuerte Straße verläuft, deren Drainage nach der Aufforstung einfach in den Wald geleitet worden war. Doch nach jedem Regen wurde die Bescherung größer: Die gewaltigen Wassermengen hatten eine tiefe Rinne in die Schonung gerissen.

Eine der durch Erosion gefährdeten Stellen in Burhinyi

Hier mußte also etwas getan werden – und das an drei Stellen. Philippe, der Agronom, wußte auch sogleich, was nötig war. Erstmal einen Riegel durch Stöcke und Zweige errichten und dann Bambus pflanzen. Und an der Straße müsse unbedingt die Drainage geändert werden, denn sonst rutsche in der nächsten Regenzeit die halbe Straße runter... Bei dieser Pflanzung waren die Bäume an der Ostseite wesentlich kleiner als an den übrigen Stellen, weil sie ständig dem rauhen Ostwind ausgesetzt sind.

Wir hatten dann noch viel Fachsimpelei und nach dem Mittagessen wartete eine Frauengruppe im Codimir-Büro auf uns. Sie hatten vor vielen Jahren einmal Nähmaschinen von Dialog International bekommen und einen Kurs in Schneiderei absolviert. Fünf Jahre lang hätten sie die Nähmaschinen benutzt, doch nun seien sie alle defekt und Geld für die Reparatur hätten sie nicht. Ob sie denn mit der Schneiderei Geld verdienen könnten?, war meine Frage. Ja, klar, gutes Geld sogar, aber für die Reparaturen oder für neue Maschinen reiche dies nicht. Ob sie sich vorstellen könnten, einen Mikrokredit zu bekommen und diesen nach 2 Jahren zurückzuzahlen? Ja, daran hätten sich noch nicht gedacht, aber das könnten sie. Glücklicherweise nimmt die ADMR derzeit an einem solchen Kreditprogramm für den Kivu teil und wird diesen Frauen helfen können...

Im weiteren Verlauf des Nachmittags waren wir zur Audienz beim „Mwami“ von Burhinyi angemeldet, dem König. Die traditionelle Struktur des Kongos ist immer noch weitge- hend monarchistisch, obwohl der Staat eine Republik ist. Im Gegensatz zu anderen Mwamis, z.B. Ngweshe (Walungu) hat jener von Burhinyi Präsenzpflicht. Der Mwami ist hochangesehen bei der Bevölkerung. Er hat eine gewisse Gerichtsbarkeit und ist vor allem für die Landnutzung zuständig. Wer also bauen will oder einen weiteren Acker benötigt, kommt nicht am Mwami vorbei. Der Mwami von Burhinyi ist ein junger Mann von Anfang 30 mit einer Universitätsdiplom in Verwaltungswissenschaft und Philoso- phie. Im Audienzsaal seiner Residenz auf der sicherlich schönsten Anhöhe von ganz Burhinyi gelegen (etwa 10 km vom Pfarrzentrum entfernt) hat er seinen festen Sofaplatz neben einem überdimensionierten großen offenen Kamin, der ohne Zweifel hier in den Tropen nur zur Dekoration dient, auch wenn's hier in 2.500 Meter Höhe auch schonmal ganz schön kalt sein kann. Vor dem Kamin steht denn auch ein Fernseh- und Videoge- rät und draußen ist die Satellitenschüssel zu sehen. Man ist also informiert. Aber viel Zeit dafür hat der Mwami wohl nicht, denn schon während der Audienz wird er dauernd per Handy angerufen und muß irgendwelche Anweisungen geben.

Die Runde stellt sich zuerst vor. Neben den Codimir- und ADMR-Mitarbeitern sind noch eine Reihe von Honoratioren erschienen und dann spricht der Mwami, leise, aber klar und entschieden und zwar konsequent in der Sprache seines Volkes, „mashi“. Also nicht in kisuaheli und auch nicht in französisch. Doch mit dem Gast aus Deutschland kann er später auch ganz gut auf englisch parlieren. Burhinyi habe zwei Hauptprob- leme, sagt der Mwami. Erstens Unterernährung und viele Krankheiten durch übermaßi- gen Maniokgenuß („Mosaik“/Kwashiokor) und zweitens schlechte oder überhaupt keine Straßenverbindungen. Ausgerechnet zum fruchtbaren Teil seiner Grafschaft gebe es bisher überhaupt noch keine Straße, sodaß die dortigen Ernsten nicht vernünftig vermarktet werden könnten. Derzeit lasse er aus eigenen Mitteln so gut es gehe die vorhandenen Straßen ausbessern. Er sei jetzt seit einem halben Jahr im Amt (sein Vater, den ich 2004 noch kennenlernte, war Ende 2007 gestorben) und er wolle aus- drücklich betonen, daß er sich als „Entwicklungs-Mwami“ vertstehe und alle Bemühun- gen seiner Bevölkerung zu helfen unterstütze. Er sei auch sehr daran interessiert, ließ er durchblicken, die Aufforstung von Codimir einmal offiziell zu besichtigen....

In meiner Begrüßungsrede wies ich darauf hin, daß wir die Ernährungssituation der Bevölkerung durch die Einführung von „Quinoa“ verbessern wollten und dabei unbedingt auf die Unterstützung des Mwamis angewiesen seien. Ich überreichte ihm ein Pfund Quinoa-Samen (zu dieser lateinamerikanischen Hochgebirgsgetreideart bitte bei http://de.wikipedia.org/ nachschauen und sagte, dies gedeihe in der Region, das Forschungsinstitut von Lwiro habe dies schon getestet. Ob er ein Versuchsfeld anlegen könne? Dann sagte ich, wir hätten gerade am Vormittag diskutiert, ob als Erosions- schutz und zur Verbesserung der Böden nicht in den Hanglagen für die Bauern eine Terrassenlandwirtschaft eingeführt werden könne, wie man sie schon in Ruanda sehe.

Terrassenlandwirtschaft in Ruanda

Auch dies ginge nur, wenn er, der Mwami, dies befürworte. Der Mwami war wirklich an allem sehr interessiert – inzwischen war die Dunkelheit angebrochen und seine Leute hatten ein paar Schwierigkeiten, den Generator anzuwerfen. Er kam dann mit dem Vorschlag, ob wir nicht bereit wären, am nächsten Tag eine fruchtbare Talaue anzuschauen, die leider versumpft sei. Er würde diese gerne – wie die Talaue Namunana in Luhwindja – drainagieren und der Bevölkerung zur Bewirtschaftung überlassen. So vereinbarten wir einen neuen Termin am nächsten Morgen, blieben aber noch eine Weile zum zwanglosen Gespräch beisammen und dabei war der Mwami dann ganz formlos, einfach Mensch, stellte ein paar Fragen und erzählte mir, was er von Deutschland wußte. Besonders deutsche Philosophie habe es ihm angetan... In tiefer Dunkelheit fuhren wir dann mit dem Jeep wieder die rund 10 km zurück zum Pfarrzentrum, wo schon einige der Freunde Codimir's und lokale Honoratioren auf uns warteten, die alle gerne wissen wollten, was denn alles so bei ihrem Mwami verhandelt worden sei...


Mittwoch, 30. Juli 2008

Mittwochfrüh ging's also nochmal zum Mwami und bei der Fahrt dorthin konnte ich erst richtig wahrnehmen, wie unsere Aufforstung die Landschaft von Burhinyi verändert hat. Sechs größere Flächen wurden mit Bäumen bepflanzt, aber den überwiegenden Teil der jungen Pflanzen haben die Bauern geholt, auf ihre Felder gepflanzt oder an den Rand ihrer Felder. Dies prägt inzwischen das Bild Burhinyis, die Bäume sind meist schon zwei oder drei Meter hoch. Man kann sicherlich schon behaupten, daß in Burhinyi eine Trendwende stattgefunden hat. Das Bewußtsein für Aufforstung ist eindeutig gestiegen.

Dann kamen wir in eine Ortschaft mit einem Marktplatz und am Rande, in einer Hütte, produzierten rund ein Dutzend junge Leute Lederwaren: Gürtel, Taschen, Täschchen für Mobiltelephone usw. - alles ehemalige Kindersoldaten, ein Projekt, welches in diesem Jahr von der Stiftung Umverteilen in Berlin gefördert wurde. Das Rinderleder wird gleich nebenan auf dem Markt gekauft – im Hochland von Burhinyi gibt’s viele Rinderherden. Die Jugendlichen zeigten mir in einem Nebenraum, wie sie das Leder gerben mit einfachsten Mitteln und wie sie dann das fertige Leder zuschneiden und mit einer museumsreifen Maschine nähten. Die Produkte werden dann in der Regel auch auf dem Markt nebenan angeboten. Überhaupt, das Thema Markt im Kongo. Der Kongo ist das Land der Marktwirtschaft par excellence. An jeder Ecke finden sich Märkte und Verkaufsstände.

Verkaufsstand für Telefonkarten am Straßenrand...

... und für Dinge des täglichen Bedarfs.

Wenn man 1960 die Befürchtung hegte, der junge Lumumba habe aus dem Land einen kommunistischen Staat machen wollen, so gibt es dafür nur eine Erklärung: Man kannte den Kongo nicht.

Wir fuhren weiter und trafen den Mwami schon auf uns wartend an. Gemeinsam ging's dann weiter an ehrfürchtig den Mwami grüßenden Menschen vorbei, immer weiter runter in einen Talgrund. Irgendwann kamen wir mit den beiden Jeeps nicht weiter und mußten noch ein Stück zu Fuß laufen. Wir kamen dann in einen – man würde in Deutschland sagen - „lieblichen Talgrund“. Wirklich idyllisch gelegen, eigentlich wunderschön. Doch der Schönheitsfehler wurde bei näherem Hinsehen sichtbar und war das Problem des Mwamis: Die Talsohle war versumpft und überall blühten Sumpfpflanzen, die weithin grün leuchteten. Der Mwami war nicht ganz untätig gewesen. Seine Leute hatten schon ein paar Fischteiche angelegt und sich mit bescheidener Drainage versucht. Aber, um diese im Grunde sehr fruchtbare Flächte – und davon hat Burhinyi nicht viel – nutzen zu können, muß das Flußbett tiefer gelegt und müssen einige Abwässerkanäle angelegt werden. Also genau das, was Dialog International vor ein paar Jahren in Luhwindja mit der Namunana-Talauer gemacht hat.

Auf dem Rückweg erzählte mir dann der Mwami, was er vorhabe: Er wolle eine Genossenschaft gründen lasse, welche die Talaue später bewirtschaften solle. Und fragt natürlich an, ob wir ihn dabei unterstützen könnten.... Das ist natürlich ein Super-Angebot. Uns kann nichts besseres passieren als eine direkte Kooperation mit einem hochmotivierten Mwami, weil damit das Engagement der Bevölkerung garantiert ist. Und klar ist auch dies: Die Bevölkerung liebt ihren Mwami vor allem jetzt, wo er sich so engagiert für eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen einsetzt. Wir verabreden, in Kontakt zu bleiben und nach Lösungen für diese Talaue zu suchen. Aber neben der Talaue hat Burhinyi – wie auch das benachbarte Luhwindja und viele andere Regionen im Südkivu – noch ein anderes Problem, nämlich den Ackerbau an den steilen Berghängen, der unweigerlich Erosion bewirkt. Die fruchtbare Erde rutscht in der Regenzeit immer häufiger in die Täler und landet nicht selten dort in den Sümpfen. Wir diskutieren lange über Lösungen. Diese liegen in der Terrassierung der Flächen. Und einige wenige Bauern in Burhinyi haben schon damit begonnen, d.h. drei unserer früheren Baumschulgärtner, die dies in den Fortbildungen gelernt hatten zeigten uns ihre Terrassenfelder. Notwendig wäre, dieses Konzept viel stärker zu propagieren. Auf dem Weg von Kigali nach Cyangugu finden sich viele solche Terrassenfelder, die naturgemäß viel bessere Ernten erlauben, aber auch durch Setaria- und andere tiefwurzelnde Gräser (die als Viehfutter beliebt sind) an den Rändern stabilisiert werden müssen. Ob wir in den nächsten Jahren ein solches Programm realisieren können?

Nach dem Mittagessen heißt's Abschied zu nehmen von Burhinyi. Der Pastor, in dessen Pfarrzentrum wir wohnten, nimmt mich noch einmal beiseite: Ich hätte doch von einiger Solartechnologie gesprochen, ob ich ihm nicht helfen könnte, damit sein Pfarrzentrum auszustatten... Er hat schon zwei kleine Solarpanel, die aber gerade eine oder zwei Lampen erhellen. Ansonsten grummelt abends ein Generator vor sich hin, schluckt viel Öl und erleuchtet seine Welt des Pfarrzentrums bis alle – kurz nach 9 Uhr schlafen gehen oder bei Kerzenlicht noch etwas beisammensitzen. Ich sagte ihm, ich könne nichts versprechen, aner eigentlich müßten bessere Lösungen möglich sein...

Dann ging's also weiter in das einige hundert Meter tiefer im Tal gelegene Luhwindja. Und von dort kam uns schon tatsächlich als erstes ein Hubschrauber entgegengeflogen. Der ist von Banro, wurde mir gesagt. Banro ist ein kanadischer Rohstoffkonzern, der in Luhwindja nach Gold sucht. Bald konnten wir auch schon riesige Lagerhallen sehen, die Banro auf einer Anhöhe errichtet hatte und ein zweiter Hubschrauber hielt sich immer an derselben Stelle in der Luft und reichlich Gerät hing herab. Hier würden Bohrungen vorgenommen, so hieß es. Banro hatte vor einigen Jahren uns erhebliche Aufregung verursacht, weil sie mitten in unserer Aufforstung solche Bohrungen vorgenommen hatten. Aber später hätten sie, sow wurde mir jetzt mitgeteilt, die zerstörten Bäumchen alle ersetzt. Unten im Tal, am Fluß, konnte ich dann Dutzende sogenannter „handwerklicher Goldsucher“ sehen, arme Teufel, die manchmal unter Einsatz ihres Lebens gewagte Grabungen nach dem begehrten Metall unternehmen. 300 davon arbeiteten derzeit für Banro, d.h. sie liefern ihre Funde ab und bekommen dafür ein paar Dollar. 20 festangestellte Mitarbeiter aus Luhwindja habe Banro inzwischen. Eigentlich eine gute Nachricht, wenn man bedenkt, daß Dialog International und die ADMR vor wenigen Jahren noch der einzige Arbeitgeber überhaupt von Luhwindja war. Doch, was zahlt Banro? Der gut ausgebildete junge Mann, mit dem ich sprach, bekam 3 Dollar am Tag, sagte er. Keine Altersversicherung, keine Krankenversicherung und wenn der Staat Steuern wolle, müsse er das noch davon abgeben. Er komme im Monat auf 70-75 Dollar. Die Putzfrau bei einer internationalen Organisation in Bukavu, so hörte ich später, bekommt 250 Dollar plus sämtliche Versicherungen. Der Fahrer dort verdient 300 Dollar im Monat... dies nur zum Vergleich. Aber Banro muß ja für die Aktionäre sparen.

Dann fahren wir am Firmengelände vorbei. Plötzlich eine andere Welt. Ich werde an die frühere „Zonengrenze“ mitten durch Deutschland erinnert, mit viel Stacheldraht und Wachtürmen. Aber Banro hat seine legalen Konzessionen und man organisiert sich, wie sich solche „Global Player“ halt organisieren. Hoffentlcih schaffen das bald auch die kongolesischen Arbeiter. Gewerkschaften sind im Kongo nicht ganz unbekannt.

In Luhwindja besuchen wir zuerst das Büro der ADMR. Dort werden mir die derzeitigen Projekte vorgestellt: Ein großes Versuchsfeld mit verbessertem Maniok (der keine Mosaik-Krankheit verursacht), eine kleine Aufforstung für etwa 50.000 Bäume, die von der deutschen Organisation Prima Klima (Düsseldorf) finanziert wird und ein umfangreiches Programm zur Fortbildung junger Frauen, gefördert von einer anderen internationalen Organisation. Dann besuchen wir die Namunana-Talaue. Mittendrin hat die ADMR ihre Baumschule mit vielen jungen Pflänzchen für die aktuelle Aufforstung und ein weiteres Versuchsfeld für gerade gepflanzte Süßkartoffeln einer verbesserten Sorte. Süßkartoffeln werden in der Trockenzeit eingepflanzt. In den Feldern rundrum arbeiten zahlreiche Frauen, die natürlich alle die ADMR-Mitarbeiter kannten. Im Nu waren sie da und begrüßten den Gast aus Deutschland. Sie betonten lebhaft, wie dankbar sie seien, daß wir diese Talaue trockengelegt hätten, sodaß sie nun diese Felder bewirtschaften könnten. Die Ernährungssituation von Luhwindja sei dadurch wesentlich verbessert worden. Ich sprach sie wegen der vielen Feuerchen an, die überall auf ihren Feldern qualmten und sagte, es sei doch nicht gut, wenn sie den Kompost verbrennen würden. Nein, das würden sich auch nicht tun. Sie hätten schon von der ADMR das Kompostieren gelernt. In den Feuerchen würden sie aber ein paar Süßkartoffeln schmoren lassen und gleich wurde mir eine Kostprobe gebracht, die zugegebenermaßen köstlich schmeckte. Ihnen war's ein bißchen peinlich, aber das alles war natürlich kein Problem. Allerdings gebe es tatsächlich viele Bauern, die ihren Kompost auf den Feldern verbrennten, anstatt ihn als Düngung zu verwenden....

In Luhwindja waren wir im inzwischen weitläufig erweiterten Krankenhaus untergebracht, als Gäste des Chefarztes Patrick und der Krankenhausverwaltung, welche die Arbeit der ADMR sichtlich schätzten. Der Talgrund neben dem Krankenhaus wurde von der ADMR weiträumig mit Grevillea bepflanzt, die inzwischen meterhoch gewachsen sind. Dr.Patrick kannte mich noch vom letzten Besuch, als er uns durch sein Krankenhaus führte. Diesmal erzählte er mir, sein Hauptproblem sei immer noch „Mosaik“, die Krankheit, welche durch übermäßigen Maniokgenuß vor allem bei Kindern entsteht. Viele Menschen litten in Luhwindja unter dieser Krankheit und deshalb sei jede Initiative zur Einführung verbesserter Sorten, welche diese Nebenwirkung nicht hätten, begrüßenswert, so etwa auch das Versuchsfeld der ADMR. Jeder Krankenhausaufenthalt müsse übrigens selbst finanziert werden. Deshalb kämen viele Menschen zu spät zur Behandlung und stürben im Krankenbett, obwohl sie bei früherer Behandlung hätten geheilt werden können... Das Krankenhaus besitzt ein paar Solarmodule. Wir haben am Abend dadurch etwas Licht und können sogar für zwei Stunden via Satellitenschüssel das kongolesische Fernsehen anschauen. Mir fällt auf, daß die Werbespots sehr viel informativer sind als in Europa, wo meist Markennamen umworben werden. Hier im Kongo werden Probleme gezeigt und Zusammenhänge erklärt, die bei Benutzung der umworbenen Mittel möglich sind und gelöst werden können. Die Werbung ist ausführlich und stellt eher ein Verkaufsgespräch dar. Eine sehr interessante Präsentationsform von Produkten, finde ich. Eigentlich war dies für mich mit Abstand das Bemerkenswerteste am gesamten Fernsehprogramm... Eine echte Innovation....


Donnerstag, 31. Juli 2008

Noch ist alles dunkel, doch der Hahn kräht. Der Morgen graut. Entfernt kräht von einem Hügel der nächste Hahn und das geht dann so weiter. Ich werde an meine Jugendzeit erinnert, wo auch noch viele Hühner gehalten wurden in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und mir die „kommunikativen Hähne“ aufgefallen waren. In Deutschland mit den „Hühnerbatterien“ sind die Eierproduzenten praktisch aus dem Alltag verschwunden. Im Kongo sind Hühner allgegegenwärtig. Sie marschieren durch die Polizeistation am Straßenrand genauso wie durch Küche und Schlafplatz der Hütten. Und die Eier mit ihrem gelben Eiweiß schmecken köstlich. Also, ich wache in Luhwindja auf und hatte – wie in Burhinyi – kein Moskitonetz gebraucht. Hier im Hochland sind diese Biester rar. Glücklicherweise...

Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg, einige Aufforstungsflächen zu besichtigen. Sie liegen fast allesamt weit oben im Gebirge. Wir konnten nur eine aus der Nähe sehen, nämlich jene, die ich schon vor vier Jahren – unbepflanzt – besichtigt hatte. Jetzt sind die Bäumchen – hier gedeiht in steinigem Untergrund Pinus am besten – uns alle schon über den Kopf gewachsen. Dann fahren wir auf einen anderen Berg, wo die nagelneue Mobilfunkantenne von Luhwindja steht, die noch nicht in Betrieb genommen ist. Bisher muß jemand aus Luhwindja, der telefonieren will, hinauf nach Burhinyi fahren, um Anschluß ans Netz zu bekommen. Wenigstens das ändert sich bald. Von hier aus können wir eine ganze Reihe weiterer aufgeforsteter Flächen sehen, allerdings weit entfernt, hoch oben im Gebirge. Eine große Arbeit ist in Luhwindja geleistet worden und die ADMR ist deswegen auch zu recht stolz darauf. Vor allem wird ihr dies von der Bevölkerung gedankt, was an jeder Straßenecke feststellbar ist, wo die Bewohner von Luhwindja sich über die Begegnung mit ADMR-Mitarbeiter freuen...

Unsere Zeit reicht nicht aus, um alle diese Flächen aufzusuchen. Aber eine weitere, an der Grenze zu Kaziba, schauen wir uns doch noch an. Hier hatte ich schon vor vier Jahren die ersten Pflanzungen gesehen und einiges ist auch schon ganz ordentlich gewachsen, aber nicht alles. So wächst Pinus sehr gut, aber Grevillea, eine beliebte Baumart, ist unten im Tal schon fünf oder sechs Meter hoch, oben auf den Bergen, zwischen den Pinusbäumen, dümpelt Grevillea bei einem Meter dahin... Alles geht hier langsamer, obwohl sämtliche Pflanzungen schon vor sechs Jahren in der ersten Kampagne vorgenommen worden waren. In diesem Ortsteil, wieder umgeben von lieblichen Bananenhainen, befindet sich auch unser Kindersoldatenprojekt von Luhwindja, eine Schreinerei und eine Bäckerei. Die jungen Leute sind eifrig bei der Arbeit. Dreimal in der Woche werde „ADMR-Brot“ gebacken und für 400 FC verkauf (1 Dollar = 560 FC) – eigentlich zu billig, wenn man bedenkt, daß die Selbstkosten schon über 300 FC liegen. Den Backofen haben diie jungen Leute selbst gemauert, auch die Ziegelsteine sind selbst geformt und gebrannt worden. Von außen wird der Ofen mit Holz „gefüttert“. Reichlich Holz, das auch noch zugekauft werden muß. Das ist zugegebenermaßen noch keine optimale Lösung. Wir müssen nach holzsparenden Backöfen Umschau halten und eigentlich sollte der Solarofen im ADMR-Büro auch benutzt werden, der bisher vor allem heißes Teewasser produziert. Aber das ADMR-Brot schmeckt wirklich ganz vorzüglich. Dann fahren wir weiter zur Sekundarschule. Auch hier sind viele Bäume gepflanzt worden, die jetzt angenehm Schatten spenden. Hier haben sich genau 184 Bewohner Luhwindjas versammelt, Mitglieder der ADMR aus den verschiedenen Groupements (Ortsteilen) von Luhwindja zur Mitgliederversammlung, übrigens vorwiegend Frauen. Zu Beginn passieren die verschiedenen Leistungen der ADMR für Luhwindja Revue: Ausbildung in Nähen uns Stricken vor vielen Jahren – eiknige Nähmaschinen sind immer noch in Betrieb – viele rotierende Kredite, die Entwässerung der Talaue von Namunana und dann die Aufforstung. Die Mitglieder sind sehr zufrieden. Doch dann kommen wir zum Höhepunkt. Die Mitglieder sitzen dicht an dicht auf den Schulbänken. Vier Reihe zu je vier Personen pro Bank. Der größte Klassenraum der Schule ist gerammelt voll und durch die Fenster schauen noch viele weitere herein. Wir sprechen über die Gründung einer landwirtschaftlichen Genossenschaft für Luhwindja. Wir präsentieren die Idee der Genossenschaft, im 19. Jahrhundert von Friedrich-Wilhelm Raiffeisen im Westerwald während einer Hungersnot entwickelt, die von dort ihren Siegeszug um die Welt antrat und jetzt auch in Luhwindja die Lebenssituation der Menschen verbessern soll. Danach werden Bedingungen und Konditionen genannt: Genossenschaftsanteile usw. Dann wird gefragt, wer Mitglied werden wolle. Natürlich gehen alle Hände hoch. Und dann folgt die Gründung, indem eine Struktur gewählt wird. Die Mitglieder kommen aus sieben Groupements. Also soll jede „Groupement“ einen Sekretär und einen Vizesekretär wählen. Diese 14 Personen bilden dann den Vorstand, aus dem heraus die Geschäftsführung bestellt wird. Zur Wahl treffen sich die Mitglieder der Groupements draußen auf der Wiese separat – und ein Palaver beginnt.

Das Palaver zur Wahl der Genossenschaftssekretäre auf der Wiese vor der Sekundarschule II in Luhwindja. Im Hintergrund die von der ADMR auf dem Schulgelände gepflanzten Bäume.


Nach 15-20 Minuten steht fast überall die Wahl fest. Fast immer wurde jeweils ein Mann und eine Frau in die Leitung bestellt, also Geschlechterparität. Eine Gruppe kann sich noch nicht einigen. Sie braucht Unterstützung. Am Ende stellt sich heraus, daß man aus dem „Oberdorf“ und dem „Unterdorf“ jemanden wählen mußte, damit sich alle vertreten fühlten. Das geschah dann auch.


Das gesamte Verfahren war sehr klar und harmonisch abgelaufen. Die Mitglieder zeigten eine beachtliche Disziplin. Nach diesem Gründungsakt stellte ich den Mitgliedern noch das neue Saatgut von Quinoa vor. Jeder konnte sich den Samen ansehen und befühlen. Man beschloß an verschiedenen Orten Versuchsfelder anzulegen, um die besten Wachstumsbedingungen herauszufinden. In der übernächsten Saison dürfte somit für alle Genossenschaftsmitglieder Saatgut zur Verfügung stehen...

Danach gab's den obligatorischen Phototermin und dann fuhren wir ziemlich erschöpft ins Quartier zurück.


Freitag, 1. August 2008

Heute ist im Kongo ein Feiertag. Begangen wird der „Tag der Familie“ und im Krankenhaus haben die Mitarbeiter frei, bis auf einen Notdienst. Wir frühstücken mit Patrick, dem Chefarzt und seinen Mitarbeitern. Die Speisekarte ist denkbar einfach: Brot, Butter und für jeden ein Spiegelei, dann Nescafé oder Tee. Das Brot kommt von den Kindersoldaten. Ein köstliches Frühstück... Der Abschied in Luhwindja ist dann lebhaft. Wie immer, wenn wir durch den Ort liefen oder fahren, mußten wir überall anhalten und Leute begrüßen.

Emmanuel begrüßt eine frühere Schülerin von ihm, die jetzt selbst Lehrerin ist.

Die ADMR ist in ihrem „Stammland“ bekannt und beliebt. Die Rückfahrt nach Bukavu ging diesmal nicht durch Walungu, sondern über Kaziba. Von dort machten wir einen kleinen Abstecher ins benachbarte Mushenyi, das wir später nochmal besuchen wollten. Doch diesmal galt der Besuch den dortigen Kindersoldatenprojekten. Von der Hauptstraße geht’s nochmal vielleicht 100 – 200 m rauf über abenteuerliche Feldwege. An jeder Ecke laufen die Kinder zusammen, die hinter den Bananenhainen ihr Zuhause haben: Dort kommt nicht alle Tage ein Jeep vorbei und schonmal gar nicht besetzt mit einem „Mzungu“, einem weißen
Mann. Und auch beim Zentrum unserer Partnerorganisation, der CDEP, welche die Kindersoldatenprojekte durchführt, fallen vor allem die vielen Kinder auf, die zusammengelaufen sind. Der Kongo ist kinderreich. Selten eine Familie mit weniger als vier Kindern. Doch durch die Armut sind die Kinder oft eine Last. Jeder weitere Esser ist eigentlich einer zuviel. Andererseits ersetzen die Kinder in einem Land ohne Rentenversicherung diese und gewährleisten meist die Altersversorgung. In Mushenyi beginne ich mit den Kindern deutsch zu sprechen und ihr Spaß ist überwältigend. Am Ende des „Blitz-Sprachkurses“ schallt mir ein vielfältiges „Auf Wiedersehen“ entgegen.

Doch vorher schauen wir uns die Arbeit der Kindersoldaten an. Auch hier eine Bäckerei und eine Schreinerei, wie in Luhwindja.

Schreinerei der Kindersoldaten in Mushenyi, neben dem Zentrum der Partnerorganisation CDEP, in dem auch die Bäckerei untergebracht ist.

Außerdem sind Vorbereitungen für einen Erweiterungsbau des Zentrums im Gange. Wie so viele Gebäude im Kongo, so ist auch dieses erst halbfertig, wird aber schon eifrig benutzt. Alles macht einen ordentlichen Eindruck, obwohl sehr sehr einfach und bescheiden. Heute wird hier kein Brot hergestellt, sondern man backt zur Abwechslung „kleine Brötchen“. Neben dem Zentrum ist bereits eine erste Baumschule für die Aufforstung angelegt und der Samen für zahlreiche Baumarten befindet sich schon in der Erde, am Rand Stangen und darüber eine Bedachung, belegt mit Bananenblättern zum Schutz gegen Regen und Sonne.

Dann geht die Fahrt zurück auf den Hauptweg, zurück nach Bukavu. Übrigens ist dieser inzwischen ziemlich gut ausgebaut worden, genau wie schon zuvor die Straße nach Burhinyi durch das Gebiet von Walungu. Die Fahrt geht deshalb recht zügig voran, viel schneller als noch vor vier Jahren. Bukavu kündet sich mit einer Straßensperre an. Hier wird eine kleine Maut verlangt für die Reparatur der Straße, die zwischen einem und 15 Dollar liegt (für Motorräder bzw. Lastwagen). Der Pkw hat 3 Dollar zu zahlen. Dafür ist die restliche Straße nach Bukavu aber schon ganz ordentlich ausgebaut. Rund um die Mautstelle sind zahlreiche Marktstände. Wir müssen gar nicht aussteigen, die Händler, oft Kinder, kommen mit ihren Produkten zum Auto. Wir kaufen Eier, einen Wirsing, Bananen, Ananas... was hier natürlich viel billiger als in der Stadt ist. Die Fahrt geht dann zügig weiter. Die Straße ist inzwischen wirklich gut ausgebaut, wenn auch noch ohne Teerdecke, sodaß der Wagen – wie alle anderen auch – jetzt in der Trockenzeit eine gewaltige Staubwolke hinterläßt. Manchmal ist alles in Staub gehüllt. Wir müssen alle Autofenster schließen und können kaum die Straße vor uns erkennen.

Eindrucksvoll sind immer die Lastwagen, die uns begegnen. Sie sind nicht nur hoch bepackt mit Gütern aller Art, Säcken, Kisten etc., sondern obendrauf sitzen nicht selten ein oder zwei Dutzend Passagiere. Für viele Bewohner der Landgemeinden sind diese Lastwagen die einzige relative schnelle und preiswerte Verbindung vom oder zum Zentrum Bukavu. So muß man halt eine zeitlang diese nicht ganz bequeme und vor allem nicht ganz ungefährliche Transportmöglichkeit akzeptieren – denn nicht selten kippt auch schon mal solch ein Lastwagen um. Der Fahrer muß nur in der Kurve ein Schlagloch übersehen haben... Etwas besser sind jene auf anderen Lastwagen dran, die innerhalb eines Gitters auf den Säcken und ihrem eigenen Gepäck sitzen – dafür dicht an dicht und am Rand baumeln die Beine der Fahrgäste vom Wagen herab. Transport ist im Kongo auf den holprigen und meist extrem schlechten Straßen ein großes Problem. Ich habe in Bukavu einen jungen Mann von 18 Jahren gesprochen, der seine Großeltern seit früher Kinderheit nicht mehr besuchen konnte, weil die Eltern die Transportkosten nicht bezahlen konnten. Die Großeltern wohnen nur 70 km entfernt...

Je mehr wir uns Bukavu nähern, desto stärker wird der Verkehr. Jetzt wird die Straße auch wieder schlechter, der starke Regen hat tiefe Rinnen gezogen, die Schlaglöcher nehmen wieder zu. Der Wagen muß Zick-zack fahren. Der Fahrer sucht sich jeweils den besten Fahrweg mit den wenigsten Schlaglöchern aus, egal ob links oder rechts. Kommt einem ein Auto entgegen, so muß man irgendwie aneinander vorbeikommen ohne in die tiefsten Schlaglöcher zu gelangen...

Wir haben an diesem frühen Nachmittag nach der langen Fahrt reichlich Hunger und fahren direkt zu unserem Stammlokal, „Mama Kindja“.


Hier sitzen wir in einer der kleinen traditionellen Rundhütten und der Kellner bringt die obligatorische Wasserschüssel zum Händewaschen. Das warme Wasser und die Seife tun gut. Und dies ist nötig, weil die Schüsseln ohne Teller und ohne Messer und Gabeln aufgetragen werden. In Afrika wird oft nur mit den Händen gegessen und man kann mit seinen Fingerwerkzeugen wirklich soviel Geschicklichkeit entwickeln wie Asiaten mit den Stäbchen... Natürlich wird Foufou gereicht, ein stocksteifer Griesbrei, der zu jeder Tageszeit gegessen wird. Foufou kann aus Maniok-, Mais-, Weizen-, Sorghum- oder anderem Getreidegries gekocht werden. Man rührt dann solange, bis die gewünschte Härte erreicht ist. Foufou aus reinem Maniok hat eine dunkel-violette Farbe und schmeckt etwas bitter. Zuviel davon, über die Jahre, verursacht Gesundheitsschäden (Kwashiokor bzw. Konzo, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Maniok ) im französischen genannt „Mosaik“, wenn nicht verbesserte Sorten benutzt werden, die problemlos sind. Mir schmeckt die Mischung Maniok mit Sorghum am besten, weil der Bittergeschmack dadurch angenehm abgemildert wird. Neben Foufou kommen noch Reis auf den Tisch und Pommes frites, dann Gemüse, in dieser Saison im Juli meist Amarand, Cassava (aus den Blättern des Maniok, sehr wohlschmeckend) und Erbsen und dann Fisch und Fleisch. Dazu das feuerscharfe Pilipili als Hauptwürzmittel. Dafür muß aber genug zu trinken bereitstehen. Wasser ohne Kohlensäure gab's abgefüllt früher nur aus Ruanda oder Uganda. Inzwischen wird auch in Bukavu das „Mugote- Mineralwasser“ abgefüllt. Zugegebenermaßen hat man manchmal das Gefühl, in der Flasche stecke gewöhnliches Leitungswasser, aber wenigstens kongolesisches...

Das Leitungswassser hat sich in den letzten Jahren durch die unermüdlichen Bemühungen der Hilfsorganisationen, hier u.a. speziell des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, erheblich verbessert, sodaß zumindest „Mugote“ problemlos getrunken werden kann. Aber wir lassen uns natürlich nicht entgehen, das einfach köstliche lokale Primus-Bier zu trinken, jene traditionelle kongolesische Biermarke, die sowohl in Kinshasa als auch in Bukavu gebraut wird – und inzwischen auch in Ruanda - und einfach gut schmeckt.


Zwischendurch koste ich mal die Alternative aus dem gleichen Hause („Mützig“ - dafür wird viel Reklame gemacht), die aber ganz lau schmeckt, eben wie bayrisches Leichtbier, obwohl der Alkoholgehalt noch höher als bei Primus sein soll. Auch nach dem Essen wird wieder die Wasserschüssel gereicht zum Händewaschen. Dies eine zugegebenermaßen recht angenehme Zeremonie. An diesem Freitag habe ich sonst nichts mehr auf dem Programm.

Ach, doch noch etwas. Eigentlich sollten wir ja mal einen Blick ins Internet werfen und Emails lesen oder schreiben. So suchen wir am Abend noch ein Internetcafé, was gar nicht so einfach zu finden ist, denn die meisten haben wegen des Feiertags schon geschlossen. Im Luxus-Hotel „Residence“ werden wir fündig – aber vergeblich. Sie haben keine Verbindung ins Netz. Festnetz im Kongo ist eine Rarität und deshalb findet Internet meist in diesen sogenannten Cyber-Cafés statt, wo's inzwischen keinen Kaffee mehr gibt, sondern dicht an dicht Computer. Bei den häufigen Stromausfällen in Bukavu kann das Glück oft nur von kurzer Dauer sein. Wir haben dann doch noch Glück, schicken einige Emails nach Europa ab und zahlen 400 FC für die halbe Stunde, also etwa 0,75 Dollar (einen halben Euro)

Dann bin ich von der anstrengenden Woche auch reichlich erschöpft und gehe zeitig schlafen, was ohnehin die beste Lösung ist, um vor den vielen Moskitos ins einigermaßen schützende Moskitonetz zu flüchten...

(Fortsetzung: Kongoreise 08/II)